Gruppentreffen Nördlicher Schwarzwald am 29.05.2017 in Nagold

Kurz vor Abfahrt zum Gruppentreffen in Nagold wurde ich telefonisch benachrichtigt, dass heute einige Gruppenmitglieder wegen Krankheit nicht kommen können. Trotz dieser Nachricht fuhren Herr Bibow und ich los, da unsere Gruppen offen sind und wir nie wissen, wer kommt.

Diesmal sollte alles anders kommen. Kaum waren wir auf der Autobahn, standen wir auch schon im Stau. Es ging nichts mehr und wir merkten sehr schnell, dass wir heute nicht pünktlich ankommen würden. Ich rief in der Klinik in Nagold an und bat darum, die schon Anwesenden zu informieren. Doch wieviel später wir kommen würden, konnten wir zu diesem Zeitpunkt nicht sagen.

Bei unserem Eintreffen ca. 1,5 Stunde später waren alle Teilnehmer bereits gegangen, was für uns völlig verständlich war, denn keiner von ihnen konnte ahnen, dass wir noch kommen. Sollte diese heutige Fahrt mit all ihren Strapazen, dem hohen Zeitaufwand, der Stop and Go-Fahrt bei 30° C Hitze und den anfallenden Fahrtkosten umsonst gewesen sein?

Nein, und so versuchten wir aus der negativen Situation in eine positiveumzuwandeln. Wir überlegten, was wir stattdessen sinnvolles tun könnten. Spontan fiel uns einiges ein, was wir dringend tun sollten, für das uns aber meistens die Zeit fehlt. Z. B. beim „Schwarzwälder Boten“ vorsprechen, Kooperationsgespräche mit der Klinikleitung führen oder Krankenbesuche bei unseren Gruppenmitgliedern im Anschluss an den Gruppentreffen. Heute hatten wir die Gelegenheit dazu. Wir beschlossen, Eric zu besuchen und anschließend zum Grab von Ute zu gehen.

Kurz entschlossen wählte ich Eric's Nummer und schon nach dem 3. Klingeln meldete er sich mit den Worten: "Schön, dass Du anrufst." Ich fragte ihn, wie es ihm gehe und was er gerade mache. Seine Antwort war: "So langsam geht es mir besser. Ich hatte eine verdammt schlechte Zeit und jetzt erhole ich mich wieder." Ich fragte ihn, ob wir ihn besuchen können, weil wir in der Nähe sind. Zunächst war es still. Er schien zu überlegen, dann meinte er, wir sollen kommen, er würde sich riesig freuen und Kaffee machen. Wir kündigten uns für gegen 16.30 Uhr an, die Hälfte der Strecke hatten wir ja schon hinter uns.

Doch ganz so einfach wie wir uns das vorstellten, war es nicht. Der Weg zu Eric war viel weiter, als wir angenommen hatten. Erschwerend kam hinzu, dass wir plötzlich in ein starkes Gewitter mit Hagel und  starkem Regen gerieten. Wir konnten teilweise nur Schritttempo fahren und unsere Scheibenwischer waren völlig überfordert. Wir schafften es dann doch so gegen 16.30 Uhr bei Eric zu sein, und die Freude war groß, als wir uns sahen. Seine sehr herzliche und liebevolle Begrüßung wurde von dem kleinen Benny, seinem Hund, noch übertroffen, der total außer sich war und sich immer wieder Streicheleinheiten bei uns allen abholte.

Der erste Blick machte mir deutlich, dass Eric sich stark verändert hatte und die letzten Monate für ihn sicher schlimm gewesen sein mussten. Er merkte, dass mir die Worte fehlten und sagte: „Ja, Katharina, die Operation, die mir leider nichts brachte, hat mich sehr, sehr mitgenommen. Mir ging es wochenlang richtig dreckig.“ Ich hörte zu. Viel sagen konnte ich nicht, zu sehr war ich berührt. Eric spürte, was ich dachte und meinte: "Ja, es war eine Chance und ein Versuch, den Tumor zu entfernen. Mehr war es nicht!"

Dann erzählte er weiter, was jetzt als nächstes geplant sei und wie es weiter gehen solle. Doch diesmal konnte ich nicht mehr nur zuhören. Ich hatte das Gefühl, dass das, was er erzählte, nicht wahr sein konnte. Ich fragte nach, ob man ihm wirklich diese Chemo vorgeschlagen hat und ob er diese Chemo wirklich machen wolle und sagte ihm: „Ganz offen, Eric, und das ist meine persönliche Einschätzung und Meinung: in Deinem jetzigen desolaten Zustand würde ich keine Chemo empfehlen. Du musst Dich erst erholen. Bitte sprich nochmal mit Deinem Onkologen. Ich bin mir sicher, er wird das genauso sehen. Komm erst einmal zu Kraft, lass Deinem Körper die Ruhe, sich zu erholen, und wenn sich dann Deine körperliche Situation geändert hat, dann ist auch wieder die Zeit für eine Chemo gekommen.“

Er hörte aufmerksam zu und meinte: „Katharina, Du hast Recht, ich hatte das auch so in meinem Bauch gespürt. Ich denke auch, dass mein Körper noch einige Zeit braucht, um sich zu erholen. Ich werde gleich morgen meinen Onkologen aufsuchen und nochmal ausführlich mit ihm reden. Ich werde ihm auch Deine Bedenken und Meinung mitteilen. Mal sehen, was er meint. Selbstverständlich werde ich Dich über den Ausgang des Gesprächs informieren.“

Dann schüttelte er den Kopf und meinte: „Wie kommt es, dass Du wieder, das war schon einmal der Fall, im richtigen Augenblick unvorhergesehen kommst und mir in einer schwierigen Situation mit Rat und Tat zur Seite stehst?“

Dann erzählte ich ihm die Begebenheit mit den Feuerwehrleuten.  Er lachte und meinte: "Ja, ja, die Feuerwehr."

So gegen 17.45 Uhr machten wir uns wieder auf den Weg. Nachdenklich und sehr wortkarg vergingen die ersten Kilometer, dann meinte Klaus: "Es war doch schön, dass wir diesen verkorksten Tag dazu genutzt haben, einem Menschen eine Freude zu machen und dabei auch noch was zu bewirken." Natürlich hatte Klaus Recht. Doch im Moment musste ich mit den heutigen Eindrücken fertig werden. Zu sehr hat mich das Ganze berührt.

Klaus und ich sind uns darüber einig, dass Krankenbesuche wichtig und sinnvoll sind und unbedingt von einer Gruppenleiterin gemacht werden sollten.

Katharina

 

Wenige Tage später kam eine E-Mail von Eric mit folgendem Inhalt:
„Hallo Katharina, ich habe heute ausgiebig mit meinem Onkologen gesprochen. Wir machen es genauso, wie Du es auch für richtig gehalten hast...erst mal Pause und Kraft sammeln und dann G. Mono....  Ih war etwas gespannt, wie mein neuer Onkologe reagiert. Aber er ist wirklich sehr verständnisvoll, ehrlich und ich habe das positive Gefühl, dass es ihm nicht ums Geld geht. Kurz gesagt, ich denke, das ist jetzt genau das Richtige für mich und ich bin dankbar, dass Ihr zwei "Feuerwehrmänner" gestern da wart!

Ganz liebe Grüße Eric

 
 

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