Das Wort "austherapiert" verändert alles!

Es war Freitagabend, wir sind gerade nach Hause gekommen und wollten den Abend gemütlich ausklingen lassen, als plötzlich das Telefon klingelte.
Ohne lange zu überlegen hob ich den Hörer ab und meldete mich. „Katharina, bist Du es?“ rief jemand ins    Telefon. „Ja, ich bin es.“ „Gott sei Dank, dass ich Dich erreiche. Mir geht es psychisch sehr schlecht, ich brauche dringend Deine Hilfe!“ Dann war es still in der Leitung. Ich hörte, dass jemand am anderen Ende weinte.
Ich fragte mehrmals, wer ist denn da, brauchen Sie Hilfe oder kann ich etwas für Sie tun? Nach langem Zögern kam: „Katharina, ich bin austherapiert, man kann nichts mehr für mich tun. Man hat mich einfach abgeschoben und nach Hause geschickt“.
Ich hörte und spürte die Verzweiflung, Angst und Hilflosigkeit am    anderen Ende der Leitung und fragte ganz vorsichtig: „Wer sind Sie und wie kann ich Ihnen helfen, da ich durch das Weinen leider den Namen nicht richtig verstanden hatte“.
„Katharina, kennst Du mich nicht? Ich bin doch Mitglied bei TEB und wir haben doch schon öfters miteinander telefoniert. Ich bin……….“
Jetzt wusste ich, wer am anderen Ende war.
„Was ist denn passiert? Wir hatten doch noch letzte Woche miteinander telefoniert und da ging es Dir doch den Umständen entsprechend gut.“ „Ja, das war auch so! Aber heute hat mir mein behandelnder Arzt gesagt, dass ich austherapiert sei und er nichts mehr für mich tun könnte, da die Chemotherapie nicht angeschlagen hätte. Ist das jetzt das Ende vom Ende?“
Nach diesen Worten war es erst einmal still in der Leitung, doch die Frage hatte auch bei mir etwas ausgelöst, was ich so von mir nicht kenne. Ich hatte keine Antwort und mir war auch in diesem Moment nicht klar, wie ich jetzt helfen kann.
Ich spürte, dass ein Mensch völlig verzweifelt ist und unbedingt jemanden braucht, mit dem er sprechen kann. Behutsam sagte ich: „Willst Du mir erzählen, was Dich gerade so traurig macht?“
Sie versuchte das Weinen zu unterdrücken und sagte: „Seit ich weiß, dass ich Bauchspeicheldrüsenkrebs habe, mache ich alles, was mir die Ärzte raten. Ich bekam die ver- schiedensten Chemotherapien und es ging mir dabei relativ gut. Auch das letzte MRT sei einigermaßen gut ausgefallen, waren die Worte meines Arztes, dennoch meinte er, dass ich jetzt keine Chemotherapie mehr bekommen kann, weil sie nicht anschlagen würde.
Katharina, ich fühle mich abgeschoben, wertlos, hilflos, allein und hoffnungslos überfordert.Ich kann nicht verstehen, warum mein behandelnder Arzt plötzlich und unerwartet die Reißleine zieht und mir jede weitere onkologische Hilfe verweigert. Ich fühle mich nicht schlechter als vor einem Monat oder einer Woche, aber die Tatsache, dass ich jetzt austherapiert sein soll, macht mich fix und fertig. Ich habe große Angst vor dem, was kommt! Ich will noch eine Weile leben, aber ohne onkologische Behandlung sehe ich keine große Chance mehr.“
Was sollte ich hier sagen, jedes Wort war im Moment falsch und richtige Hilfe konnte ich auch nicht bieten. Doch so traurig wollte ich das Telefonat nicht beenden und deshalb lenkte ich das Gespräch in eine andere Richtung. Wir sprachen noch über dies und jenes, dabei ließen wir schöne Moment der Vergangenheit einfach noch mal Revue passieren. Ich spürte, dass sie allmählich ruhiger wurde und versprach, dass ich mich in den nächsten Tagen melden werde.
Dann legten wir auf. Ich fühlte mich leer und ausgelaugt und auch traurig. Leider musste ich in den letzten Wochen des Öfteren von Betroffenen hören, dass sie „austherapiert“ seien.

So berichtete ein Betroffener in einer Online-Gruppe, dass sein Arzt gesagt hätte „Sie sind austherapiert, wir können nichts mehr für Sie tun“.
„Katharina, ich weiß, dass ich schwerstkrank bin und dass meine Lebenszeit begrenzt ist. Doch dieser Satz hat mir und meiner Frau den Boden unter den Füßen genommen. Mit diesem Wort hat man mir und meiner Frau den letzten Rest Mut, Hoffnung und Zuversicht genommen. Stattdessen haben wir Angst und Sorge und können kaum noch unseren Alltag bewältigen.“
Wieder dieses Wort austherapiert, dass mit einem Schlag den Betroffenen allen Mut, Hoffnung und Zuversicht nimmt.
Ich kann verstehen, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, dass ein Arzt trotz vieler medizinischer Möglichkeiten nichts mehr tun kann und er abwägen muss, ob eine Therapie noch sinnvoll ist oder beendet werden muss. Bei seiner Entscheidung müssen oftmals Nutzen und Kosten einer weiteren Behandlung gegenübergestellt werden.
austherapiert1.jpgDass es für einen Arzt eine besondere Herausforderung ist, seine Entscheidung dem Betroffenen und seinen Angehörigen zu vermitteln und er dabei vielleicht nicht immer die passenden und richtigen Worte findet, steht außer Frage.
Austherapiert heißt nicht immer, dass alles zu Ende ist. Unser Schicksal bestimmt eine ganz andere Ebene.
Ich hatte z. B. eine Betroffene, die ich viele Jahre begleitete, sie kam auch mit der Aussage, sie sei austherapiert. Zusammen suchten wir nach Wegen, wie es weitergehen könnte. Sie nahm an einem Lach- und Tanzkurs teil. Zufrieden und glücklich lebte sie weitere zwei Jahre ohne jegliche weitere Behandlung und auch ohne Chemotherapie.
Ich würde mir wünschen, dass man hier von Seiten des Arztes gefühlvoller mit seiner Wortwahl gegenüber schwerstkranken Menschen umgeht und ihnen damit niemals der Mut und die Hoffnung genommen wird.
Die Hoffnung stirbt zum Schluss! Lasst uns Wege finden, dass die Hoffnung immer bestehen bleibt.

Katharina Stang
 
 

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