Bericht von der Gruppe Angehörige und Hinterbliebene

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Bericht von der Gruppe Angehörigen-und Hinterbliebenen
Donnerstag, den 23.08.2012 ab 15:00 Uhr

Nachdem wir uns lange Gedanken gemacht haben, wie man die neue Gruppe in Zukunft gestalten könnte, waren wir auf den 23.08.2012 sehr gespannt.

Pünktlich um 15:00 trafen die ersten Teilnehmer ein. Schon bei der Begrüßung stellten viele die Frage: Bin ich heute und hier richtig in der Gruppe? Na klar, bei uns ist erst einmal jeder herzlich willkommen und auch richtig. Nach einer kurzen Nachfrage von mir konnte ich die Dame beruhigen. Sie war in die richtige Gruppe gekommen. Gott sei Dank meinte sie, mein Weg war sehr weit.

Und so begann der erste Teil der Gruppe. Wie schon vermutet, kamen Angehörige von Betroffenen, die sich Sorgen um ihre Partner machen. Sie werden jeden Tag mit dieser schweren Krankheit konfrontiert. Man spürte die Hilflosigkeit und Verzweiflung der Menschen beim schildern ihrer Situation. Das nicht helfen können, das mit ansehen müssen, wie ein Mensch sich oft quält, ist für die Angehörigen nur schwer zu ertragen. Deshalb sprudelten die Fragen nur so aus ihnen heraus.

Wie kann ich meinem Partner helfen, dass er weniger Schmerzen hat, wieder Appetit bekommt und am Leben teil nimmt? Die Angst, dass sie als Angehörige etwas falsch machen, ist sehr groß und außerdem eine Belastung.

Aus Erfahrung weiß ich, dass Angehörige unter der schwierigen Situation leiden. Sie fühlen sich oft alleine und in unserer Gesellschaft vergessen. Sie sind meiner Meinung nach auch betroffen und brauchen regelmäßige Unterstützung. Heute und in Zukunft können sie in der Gruppe ihren Gedanken, Gefühlen, Ärger und Traurigkeit freien Lauf lassen. Wir hören zu und fangen auf!

Wir spürten ihre Unzufriedenheit mit der immer schlechter werdenden Versorgung in den Krankenhäusern, mit den langen Wartezeiten bei den Ärzten und wie man sie von Seiten der Behörden mit ständigen Auflagen und ausfüllen von Formularen drangsaliert.

Außerdem kommen immer mehr Kosten wie Zuzahlung, privat Rezepte, Taxigebühren usw. auf sie zu. Diese Ausgaben reissen große Löcher in ihre Haushaltskasse.

Einer der Teilnehmerin berichtete, dass sie ihren Partner schon um 5:30 Uhr aus dem Bett holen muss, damit er pünktlich um 9:30 Uhr seinen Termin im Krankenhaus wegen der Verabreichung der Chemotherapie wahrnehmen kann. Im Krankenhaus müssen sie dann öfters unendlich lange warten, bis endlich die Blutabnahme erfolgt und grünes Licht für die Chemotherapie gegeben werden kann. Ihr bricht es fast das Herz, wenn sie sieht, wie ihr Partner leidet und was er alles auf sich nimmt, um noch ein paar Jahre (Monate) zu leben. Bei uns allen drängte sich die Frage auf: Wo bleiben Sie? Was machen Sie, dass es Ihnen gut geht? Wer hilft Ihnen? Zuerst kam nur ein Achselzucken, Tränen liefen über ihre Wangen, dann kam es ganz zögerlich heraus:" ... eigentlich keiner". Das stimmte uns sehr traurig, denn das ist es unter anderem auch, was wir immer wieder erleben müssen. Angehörige sollen (müssen) stark sein und gute pflegerische Kenntnisse haben. Ihre eigenen Empfindungen werden eingefroren, sie müssen nur funktionieren.

Ich hoffe, dass das Empfinden zu unserem heutigen Termin anders war. Hier konnten sie einmal an sich selbst denken und dabei ein wenig abschalten. Auch wenn man die Situation nicht ändern kann, konnten wir zuhören und allen Teilnehmern das Gefühl der Gemeinschaft geben. Wie sagt man: „Geteiltes Leid, halbes Leid“.

Der Tenor aller Teilnehmer dieses Gesprächskreises war: Ach, das tat richtig gut. Wir kommen gerne wieder.

Wir standen noch einige Zeit zusammen und allmählich trudelten die Teilnehmer der nachfolgenden, anderen Gruppe ein. Diese Angehörigen haben ihren Partner bereits verloren und müssen durch das Tal der Traurigkeit gehen, um wieder Licht am Horizont zu sehen.

Es wurde eine nette Begrüßung. Einige kannten sich schon aus der Zeit der Regionalgruppe Mittlerer Neckarraum.

Da wir an diesem Tag den Besuch des Weindorfes vorgesehen hatten, fragten wir auch die Teilnehmer der ersten, vorherigen Gruppe. Die Resonanz war so, dass sie zuerst alles Gehörte verarbeiten wollten und auch bereits sehnsüchtig zu Hause erwartet wurden.

Gemeinsam starteten wir, wobei keiner wusste, was kommt auf uns zu und woraus entstand eigentlich die Idee, das Weindorf zu besuchen.

Schon unterwegs auf dem Gehweg hörte man uns lachen. Wir sprachen über dies und das und freuten uns des Lebens.

Auf dem Weindorf angekommen, fanden wir bei herrlichem Sonnenschein gleich Platz. Wasser, Wein und Essen, was ging es uns doch sehr gut. Gegen später spielte noch eine Band Lieder aus den fünfziger Jahren, die wir teilweise lauthals mitsangen.

Es wurde über Urlaub, Fahrradfahren, Hobbys und vieles mehr gesprochen. Jeder hielt sich an die Abmachung. Kein Wort über Krankheit, Leid und Tod.

Wir saßen fast bis zum Schluss und wollten gar nicht nach Hause. Es bestätigte sich wieder, dass, wenn es einem gefällt, die Zeit viel zu schnell vergeht. Doch irgendwann geht alles zu Ende. Jeder machte sich auf den Heimweg. Doch unser Harald entschloss sich, uns Damen zum Auto zu begleiten, obwohl es für ihn ein großer Umweg war.

Um 22:45 Uhr kam ich nach Hause. Noch lange sprachen mein Mann und ich über den heutigen Tag und das dabei erlebte.

Ich glaube, dass diese Gruppe gut angenommen wird. Wir gehen hier ganz gezielt auf die Bedürfnisse der unterschiedlichen Angehörigen ein. Jeder bekommt seinen Raum und kann selbst entscheiden, ob er sprechen möchte oder nur Kulturelles will, oder auch beides. Alles ist möglich.

Ich freue mich bereits auf die nächste Gruppe.

Katharina Stang
Ludwigsburg, im August 2012

 
 

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