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Jeden Tag, egal wo man hingeht, wohin man hinhört, Corona ist immer und überall dabei und lässt uns kaum zur Ruhe kommen. Unsicherheit, Angst und Schrecken erleben wir tagtäglich und gleichzeitig verlieren wir das Vertrauen in unsere Gesellschaft und die politisch Verantwortlichen.
Corona bestimmt seit Monaten unser aller Leben. Alle Altersstufen unserer Gesellschaft, von den Kindern bis zu den Hochbetagten, leiden. Die Folgen für die Psyche jedes Einzelnen und für unser soziales Leben sind nicht absehbar.
Auch das ständige Hin und Her bei den verordneten Maßnahmen macht auf Dauer mürbe und gibt Raum für verschiedenste Befindlichkeiten. Immer wieder höre ich in den letzten Wochen bei intensiven Gesprächen von Betroffenen und ihren Angehörigen, wie belastend allein schon das Wort Corona für sie ist. Wie sagte eine Dame zu mir: „Ich kann nicht mehr, ich bin ganz alleine, ich habe keine Eltern, Geschwister, Mann oder Kinder. Seit Monaten sitze ich alleine zu Hause und versuche, mich an alle auferlegten Regeln der Politik zu halten. Seit Monaten verlasse ich das Haus nur noch, um wichtige Einkäufe zu erledigen, oder wenn ich zum Arzt muss. Doch jetzt merke ich, dass dieses Alleinsein, die Isolation gravierende Spuren bei mir hinterlassen. Ich fühle mich einsam, ausgegrenzt, wertlos und unnütz. Mein Leben besteht nur noch darin, von zu Hause aus zu arbeiten, zu essen, fernzusehen und zu schlafen. Seit Tagen weine ich immer wieder und ich spüre, dass mein Gefühlsleben total aus den Fugen gerät. Wie lange geht das noch so? Wann kann ich endlich mal wieder ohne Angst shoppen gehen? Wann kann ich wieder meinen geliebten Tanzsport durchführen?“
Das sind Fragen, auf die ich auch keine Antwort habe und mir geht es ähnlich wie ihr. Auch ich stelle mir die Frage, wie geht es weiter? Wann sind wir alle geimpft? Was kommt nach dem Impfen? Kommen wir wieder zurück zu unserer gewohnten Normalität oder verändert sich danach unser gesamtes Leben? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht!

Seit einem Jahr leben wir in einer für mich und viele andere nie dagewesenen Unsicherheit. Dies hat uns auf einmal gezeigt, wie zerbrechlich unser Leben war und ist. Vieles, was jahrelang für uns selbstverständlich war, ist plötzlich weggebrochen, jetzt müssen wir uns komplett neu orientieren. Die Pandemie hat uns auf den Boden geholt und gezeigt, dass „die Bäume nicht in den Himmel wachsen“. Wir wurden in unserem Tun und Handeln ausgebremst, Werte haben sich verschoben, unser Leben hat sich entschleunigt. Es geht nicht mehr darum, immer mehr zu erreichen, immer schneller und immer besser zu sein, es geht darum, gesund zu bleiben!
Plötzlich kann man sich in vielen Bereichen nicht mehr ohne Maske bewegen. Ob man mit dem Bus oder der Bahn fahren möchte, überlegt man sich sehr genau. Sich mit Freunden oder der Familie im Restaurant zu treffen, ist unmöglich, Sport und Bewegung sind nur noch bedingt möglich. Ja, auch Besuche innerhalb der Familie sind schwierig und oftmals nicht mehr mit der Regelung 2 Haushalte, 5 Personen durchzu- führen. Wir als Großeltern können nicht zu unseren Kindern und Enkeln, da wir zusammen mehr als 5 Personen und unsere Enkel älter als 14 Jahre sind.


corona2.jpgMaßnahmen, mit denen nicht jeder gut klar kommt
Ganz zu schweigen, wie alte und schwerstkranke Menschen gezwungen sind, mit ihrer oft als ausweglos empfundenen Situation fertig zu werden.
In manches Alten- und Pflegeheim kann man nicht mehr zu jeder Zeit, nein, man braucht erst einen Test, dann dürfen nur zwei Personen zu ihrem nächsten Angehörigen und auch nur für zwei Stunden. Wenn ein Heimbewohner seine Kinder oder jemand anders besucht, muss er anschließend 5 Tage in Quarantäne und darf sich in seinem Zimmer nur noch mit Maske aufhalten. Dieser Preis ist alten Menschen zu hoch und zu anstrengend. Sie bleiben lieber  alleine.
Ich kann verstehen, dass das alles notwendige Maßnahmen sind, doch ich kann auch die alten Menschen verstehen, wenn sie nicht begreifen, was gerade mit ihnen geschieht. Mein 95jähriger Schwiegervater meinte kürzlich: „Jetzt bin ich so alt geworden, noch nie in den letzten fünfundsiebzig Jahren hat mir jemand verboten, dass ich mich mit der Person meiner Wahl treffe oder dass ich allein spazieren gehen kann. Aber jetzt, in dieser Zeit von Corona, ich komme da nicht mehr mit!“
Eine andere Betroffene sagte: „Ich konnte und durfte meinen schwerstkranken Mann nicht im Krankenhaus besuchen, obwohl ich mich immer wieder an die Klinikleitung wandte. Erst als es mit ihm zu Ende ging, stellte man mir ein Bett ins Zimmer. Leider war es da zu spät, mein Mann verlor das Bewusstsein, ohne dass ich mit ihm noch einmal sprechen konnte, verstarb er. Jetzt muss ich mit dem Tod meines Mannes fertig werden, aber auch mit dem Gedanken, warum ich nicht schon früher zu meinem Mann durfte. Ja, und dann kam die Beerdigung, auch diese konnte nicht so abgehalten werden, wie es der Wunsch meines Mannes war.“
So könnte ich unendlich viele Geschichten erzählen und immer wieder stellt man fest, dass bei allem Erlebten Gefühle wie Trauer, Leid, Angst, Wut und Unverständnis mitschwingen.
Vieles, was wir jeden Tag an Ver- boten oder Lockerungen präsentiert bekommen, ist manchmal nicht zu verstehen und auch nicht nachzuvollziehen. Dennoch, Gesetze muss man nicht immer verstehen, aber man muss sie einhalten und befolgen.
Nun stehen wir auch bei TEB e. V. wieder vor einer neuen Herausforderung und müssen umdenken.

Leider können wir unser Versprechen, das wir unseren Mitarbeitern gaben, ab April 2021 wieder in ihren gewohnten und vertraglich vereinbarten Arbeitsmodus zurückzukehren, nicht einhalten. Gruppentreffen dürfen nur online stattfinden, Beratungen dürfen nur am Telefon, über Skype oder Zoom durchgeführt werden. Krankenbesuche und Sprechstunden in den Kliniken sind bis auf Weiteres untersagt.
Dennoch verzeichnen wir in den letzten Monaten einen enormen Zuwachs an Anfragen. Aus ganz Deutschland rufen uns Betroffene oder Angehörige an und lassen sich beraten. Ja, jedem, der Hilfe und Unterstützung sucht, versuchen wir, diese zu geben.
Doch auch hier verändert Corona alles und zwingt uns, neue Wege zu gehen. Wir von TEB e. V. oder die Selbsthilfe generell steht in den schwierigen Zeiten mit ihren Sorgen allein da, und es interessiert kaum jemanden, wie wir mit dieser belastenden Situation umgehen. Selbsthilfe und das Ehrenamt sind nach meinem Verständnis ausgeblendet und finden kaum Beachtung in Politik und Gesellschaft.

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Ich will nicht klagen, doch offen gesagt, die Krise macht mir zunehmend Sorge. Wie lange habe ich die Kraft, den Mut und die Ausdauer, weiterhin für Schwerstkranke da zu sein? Wie lange kann ich mich noch ehrenamtlich für unsere Mitarbeiter und die Landes- und Bundesgeschäftsstelle einsetzen?
Viele Fragen bleiben offen und ich befürchte, dass mir die Politik auch keine Antworten liefert. Ich habe das Gefühl, wir sind als Selbsthilfe zu klein und auch nicht wichtig genug, damit man sich um uns kümmert.
Da frage ich mich schon, welchen Stellenwert hat die Selbsthilfe?
Auch wenn wir in unserer Organisation oftmals mit unseren Sorgen und Nöten allein dastehen und häufig nicht weiterwussten, haben wir dennoch immer Wege gefunden und sind dankbar, dass wir bisher, trotz allem, einigermaßen gut durch die Krise gekommen sind.
Leider - und das tut mir besonders weh - sind viele Menschen bereits an der Pandemie verstorben. Meine und unsere Gedanken sind bei ihnen und ihren Angehörigen. Für sie leuchtet ein Licht in meinem Fenster.
Ich wünsche mir, dass es bald ausreichende Impfungen und Medikamente gibt, die dieser Pandemie ein Ende setzen und dadurch Menschenleben gerettet werden können. Ich hoffe, dass dieser Wunsch bald Wirklichkeit wird, um wieder ein Leben ohne Angst und in Freiheit führen zu können.

Katharina Stang