Erfahrensbericht über die neue Beratungsgruppe Angehörige und Hinterbliebene

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Bericht über die neue Gruppe „Angehörige und Hinterbliebene“

Immer wieder wurde die Bitte an mich herangetragen, eine Gruppe für Angehörige und Hinterbliebene einzurichten, um eine Anlaufstelle und die nötige Unterstützung anzubieten.

Mein Mann und ich haben uns deshalb entschieden, diese neue Gruppe einzurichten und Betroffenen damit die Möglichkeit der Verarbeitung ihrer jeweils sehr individuellen Situation zu ermöglichen. Wir waren erstaunt, wie viele Betroffene sich zu den vier seither stattgefundenen Terminen eingefunden haben, ohne dass wir viel Werbung gemacht hätten. Es waren ganz unterschiedliche Sorgen, Ängste und Probleme, mit denen wir uns auseinandersetzen mussten, und jeder der Anwesenden hatte eine ganz besondere Strategie entwickelt, mit der Situation umzugehen. Einige der Angehörigen kämpften mit dem Diagnoseschock, andere mit dem Verlauf der Erkrankung und den oft dazu gehörenden Veränderungen und andere werden einfach nicht damit fertig, dass man tatenlos zusehen muss, wie der Partner abbaut, sich verändert und verstirbt. Man spürt die Angst und die Trauer, vor allem aber die Hilflosigkeit der Angehörigen, die sich sehr überfordert fühlen, ohne Antrieb und oft völlig ausgebrannt sind. Mir kommt es so vor, als ob diese Betroffenen noch mehr auf Hilfe von außerhalb angewiesen sind. Sie fallen durch ein Raster, sie müssen funktionieren in unserer Gesellschaft.

Hierzu ein Zitat einer Anwesenden, die berichtete: „Ich wünschte mir, dass man mir hilft und mir Kraft und Mut vermittelt, denn ich erkenne meinen Mann nicht wieder. Er hat sich seit der Erkrankung sehr verändert. Alles, was er früher als besonders schön und gut empfand, ist heute schlecht und negativ und vor allem muss ich mit seiner ständigen Aggression leben. Er ist durch die ständigen Schmerzen und die Einnahme starker Schmerzmittel unberechenbar geworden. Oft sitzt er nur da und spricht stundenlang gar nichts oder er schimpft über alles. Immer und immer wieder versuche ich, meinen Mann, die Kinder und die Schwiegermutter aufzubauen und Hoffnung, Kraft und Zuversicht zu vermitteln, obwohl es doch laut der Ärzte keine Chance auf Heilung gibt. Es ist ein ständiger Wettlauf mit der Zeit. Ich kann und darf nicht traurig sein, ich muss funktionieren und durchhalten. Wie lange ich das alles noch ertragen kann, bis ich selbst krank werde, weiß ich nicht.“

Wir in der Gruppe spürten den enormen Druck, die Traurigkeit, Hilflosigkeit und die ungeheure tägliche Belastung, die auf der Angehörigen und ihrer Familie lasten. Wir hörten zu und gaben ihr den nötigen Raum, um Angst, Tränen, Wut und Aggression freien Lauf lassen zu können. Sie durfte ihre Gefühle endlich einmal zulassen und wir gaben ihr das Gefühl, sie zu verstehen. Plötzlich konnten auch andere über ihre Ängste und ihre Hilflosigkeit sprechen. Sie fühlen sich alle mit der neuen Situation durch die Erkrankung eines Angehörigen überrollt und überfordert. Jeder der Anwesenden gab zu, dass er für seinen Angehörigen alles Menschenmögliche tun würde, damit er gut versorgt, verpflegt und rund um die Uhr betreut ist. Doch wo können wir unseren Akku wieder aufladen und wo finden wir Hilfe?

Eine jüngere Frau saß ganz still da und weinte, sie fühlte sich schuldig, weil sie nicht loslassen kann „Ich kann doch meine Mutter nicht so einfach gehen lassen, ich muss doch alles versuchen, damit sie nicht aufgibt. Ich lasse es nicht zu, dass sie stirbt! Ich will, dass sie weiterlebt.“
Auf die Frage „Warum kannst Du sie nicht loslassen?“ antwortete sie „Ich fühle mich allein und verlassen, alles haben wir gemeinsam gemacht und immer wieder hat sie mir zur Seite gestanden, wir sind ein eingespieltes Team. Ich liebe sie unendlich und jetzt will sie, dass ich sie loslasse und einfach gehen lasse. Ich kann und will es nicht akzeptieren.“
Ein Herr aus der Runde, der diese Erfahrung leider erst vor kurzer Zeit machen musste, sagte: „Nachdem ich meiner Frau gesagt hatte, dass ich sehr traurig bin, wenn sie geht und ich alles dafür geben würde, wenn sie bleiben könnte, ließ ich es zu und respektiere ihren Wunsch, sie loszulassen. Erst nach diesem sehr intensiven Gespräch konnten wir uns wieder in die Arme nehmen und dem Schicksal seinen Lauf lassen, meine Frau konnte nach kurzer Zeit ruhig einschlafen. Das Loslassen hat mir eine innere Zufriedenheit gegeben und ich denke, wir haben alles richtig gemacht.“

Es gibt an einem solchen Abend viele Tränen, Traurigkeit und Fragen: Gibt es wirklich einen Gott? Warum hat mein Mann/meine Frau diese Erkrankung? Er/sie hat nie geraucht oder getrunken und war auch kein schlechter Mensch, warum gerade er/sie? Keiner der Anwesenden hat darauf eine Antwort.

Es waren bisher sehr bewegende Gruppenabende und mein Mann und ich wurden sehr nachdenklich. Hatten wir diese Menschen mit ihrer Angst und Not und Hilflosigkeit in den vergangenen Jahren ganz vergessen? Nein, das hatten wir ganz sicher nicht. Wir haben die Betroffenen getragen und gestützt, die Angehörigen haben wir nur mit betreut. Es war uns immer klar, dass der Angehörige eine individuelle Betreuung braucht, doch alles braucht Zeit, um zu reifen. Jetzt sind wir froh, eine solche Gruppe anbieten zu können. Alle, die bisher an diesen Gruppenterminen teilgenommen haben, waren froh, hier gewesen zu sein, obwohl sie vorher nicht wussten, was auf sie zukommen würde. Vielen ging es besser und sie fühlten sich erleichtert und haben neue Kraft geschöpft.

Oft fühlte ich mich nach einem solchen Abend unendlich leer und manche Alltagssorgen waren plötzlich ganz klein. Durch die in der Gruppe mit Angehörigen und Hinterbliebenen gemachten Erfahrungen ist mir viel stärker bewusst geworden, dass mein Mann in den letzten Jahren oft Angst um mich hatte und sich Sorgen machte, wenn ich wieder einmal ins Krankenhaus musste oder zu Hause zusammengebrochen bin, weil Koliken oder Unterzucker sich einstellten. Bis jetzt hatte ich das nicht als so schlimm empfunden, mir war gar nicht so bewusst, dass mein Mann unter dieser schwierigen Situation leidet. Viel zu sehr war ich mit mir und meiner Erkrankung beschäftigt. Obwohl es mir heute besser geht als noch vor einigen Jahren und ich für mich Wege gefunden habe, mit der Erkrankung besser umzugehen, bleiben auch bei mir und meinem Mann Angst und Hilflosigkeit zurück. Das Leben hat sich grundlegend verändert und der Alltag wird von der Krankheit mitbestimmt.
Ich bin sehr dankbar und glücklich, dass ich einen Mann an meiner Seite habe, der mich in der Gruppenarbeit unterstützt und diese Gruppe mit mir aufbaut und führt.

Ob diese Gruppe nach § 20c SGB V von den Krankenkassen in Zukunft unterstützt und gefördert werden kann, bleibt abzuwarten. Der Vorstand von TEB e.V. hat sich für diese neue Gruppe entschieden und wird alles daransetzen, dass es in Zukunft hier ein gutes Angebot gibt.

Katharina Stang

 
 

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