Gedanken eines Notfallsanitäters

Liebe Leserinnen und Leser des TEB-Magazins,
die Corona-Pandemie ist momentan in aller Munde. Schreckliche Bilder erreichen uns zum Beispiel aus Italien, Spanien und den USA. Wir sehen volle Krankenhäuser, überfüllte Intensivstationen, todkranke und sterbende Menschen liegen auf einfachen Betten in den Fluren. Das alles passiert nicht weit weg von uns in ähnlich gut entwickelten Ländern wie Deutschland.
Jeden Tag prasselt eine Vielzahl von Informationen auf uns ein: Neue Corona-Schutzmaßnahmen, Statistiken über Erkrankte und Möglichkeiten der Lockerung führen in Verbindung mit Informationen über Kurzarbeit, Schulausfällen und Homeoffice zu Sorgen, wie es weitergehen kann und wird. Doch darum soll es heute hier nicht gehen.
Ich möchte Ihnen in diesem Beitrag meine ganz privaten Gedanken als Notfallsanitäter schildern. Seit mittlerweile 13 Jahren arbeite ich in unterschiedlichen Positionen in unterschiedlichen Gegenden Deutschlands im Rettungsdienst. Nach meinem Abitur habe ich in Darmstadt in Südhessen eine Ausbildung zunächst zum Rettungssanitäter, später dann zum Rettungsassistenten und schließlich zum Notfallsanitäter absolviert. Begleitend zu meinem Studium bin ich meiner Berufung, - Beruf kommt schließlich von Berufung -, treu geblieben. Ich habe eine Menge Rettungsdienste kennengelernt und bin in vielen Gegenden herumgekommen. Dabei ist mir eines klar ge- worden: Die Patienten sind, auch wenn die Strukturen vor Ort vielleicht andere sein mögen, in ihren Bedürfnissen gleich. Sie leiden an den gleichen Schmerzen, sie haben ähnliche Ängste, vergleichbare Sorgen treiben sie um, egal ob in Nord, in Süd, in Ost oder in West.
Vor etwa zwei Jahren zog es meine Frau und mich nach Norddeutschland in schöne Schleswig-Holstein. Hier ist alles anders als im wuseligen Rhein-Main-Gebiet. Hier wohnen weniger Menschen, die Wege sind weiter und es gibt auch weniger Krankenhäuser. Das heißt aber nicht unbedingt, dass der Rettungsdienst weniger zu tun hätte. Rettungs- wachen werden nach Bedarf gebaut. Konkret bedeutet das, dass dort, wo viele Menschen wohnen, auch mehr Rettungswagen vorgehalten werden als dort, wo weniger Menschen leben.
Mittlerweile arbeite ich zwar nicht mehr jeden Tag im Rettungsdienst, versuche aber neben meinem Hauptjob als Pflege- und Gesundheitswissenschaftler ein- bis zweimal pro Woche zu fahren. Und eines muss ich Ihnen sagen: So etwas wie jetzt habe ich noch nie erlebt.
Die Notaufnahmen sind wie leergefegt, die Krankenhäuser und die Rettungsdienste haben deutlich weniger zu tun als vor der Pandemie. Das mag sich erst einmal gut anhören - hört man doch sonst immer vom überlasteten Gesundheitssystem. Immerhin: Die Menschen, die die Notaufnahmen unserer Krankenhäuser wegen Lappalien aufsuchen oder sogar den Rettungswagen rufen, bleiben zu Hause. Doch der Schein trügt.
Was wir im Moment zu sehen bekommen, sind Menschen, die viel zu lange warten, bis sie den Rettungsdienst rufen. Sie erinnern sich vielleicht noch an die Kampagnen „Jeder Schlaganfall ein Notfall“ oder „Herzinfarkt - 112!“? Die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes sollten mit diesen Informationskampagnen dazu ermutigt werden, in lebensbedrohlichen Notfällen so schnell es geht professionelle Hilfe zu suchen.
Auch in Zeiten von Corona haben die Menschen selbstverständlich Schlagan- fälle und Herzinfarkte. Doch trauen sie sich häufig nicht, unser Gesundheitswesen in Anspruch zu nehmen. Sie warten lange ab - zu lange. Das kann fatale Folgen haben: eine Lähmung, die nicht mehr zu behandeln ist, ein Herzmuskelschaden, der bleibt, weil er zu spät diagnostiziert wurde, oder ein Lungeninfarkt, der irreparable Schäden hinterlässt.
All diesen Menschen sei geraten: Rufen Sie in lebensbedrohlichen Fällen immer den Rettungsdienst unter Telefonnummer 112! Hier bekommen Sie rund um die Uhr - auch in Zeiten von Corona - kompetente Hilfe.

Notfall.jpgDoch es sind nicht nur die Notfallpatienten, die mir Sorgen bereiten. Was ist mit den Menschen, die ein chronisches Gesundheitsproblem haben? Die auf regelmäßige Kontrolluntersuchungen angewiesen sind? Die zur Blutentnahme, zum Ultraschall oder zur Funktionsdiagnostik regelmäßig zum Arzt müssen? Und was ist mit denen, die im Moment zum Beispiel über Bauch- oder Rückenschmerzen klagen? Und denen, die auf einen CT- oder MRT-Termin noch länger als sonst warten müssen, weil zurzeit nur wenige Termine vergeben werden? Oder denen, die auf eine wichtige Operation warten? Was ist mit den Menschen, die krank sind und die Sorgen und Ängste haben und nicht wissen, wohin damit?
Wir können im Moment nur hoffen, dass unser Gesundheitssystem, solange es geht, funktionsfähig bleibt, damit uns Zustände wie in Spanien und Italien erspart bleiben. Jedoch dürfen wir auch nicht die vielen chronisch Kranken vergessen und auch nicht die Notfälle, die jeden Tag geschehen. Auch um diese Menschen muss sich gekümmert werden.
Wir dürfen nicht vergessen, dass es sie gibt. Und so, wie wir alles dafür tun müssen, dass diese Menschen sich nicht mit dem Corona-Virus anstecken, müssen wir auch dafür sorgen, dass sich ihre ursprünglichen Erkrankungen nicht verschlimmern. Dass sie diagnostiziert werden. Und dass sie nicht alleingelassen werden.
Und was ist mit den alten Menschen im Pflegeheim? Und den behinderten Menschen in ihren Einrichtungen? Das Pflegepersonal leistet Großartiges. Doch wissen wir auch alle, dass die Personaldecken in diesen Bereichen seit vielen Jahren viel zu dünn sind.
Wie stellen wir sicher, dass jetzt jemand für die Patientinnen und Patienten und Bewohnerinnen und Bewohner da ist? In einer Zeit, wo sie die Situation um sich herum vielleicht gar nicht begreifen können. Ohne Besuch und mit Personal, dass sich selbst und andere mit Mundschutz und Maske schützt. Eine Situation, die insgesamt so außergewöhnlich ist, dass selbst viele von uns sich damit schwertun, sie zu verstehen.
Wenn ich persönlich von möglichen Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen höre, freue ich mich zum einen, dass ein Stück Normalität wieder zurückzukehren scheint. Gleichzeitig habe ich große Sorge, dass die kranken, alten und schwachen Menschen vielleicht zu schnell vergessen werden. Natürlich freuen wir uns alle, wenn wir bald wieder unseren gewohnten Aktivitäten nachgehen können. Doch als Solidargemeinschaft müssen wir uns vor allem auch um unsere schwächsten Mitglieder kümmern und dürfen sie bei aller berechtigten Sehnsucht nach Sicherheit und Normalität nicht aus den Augen verlieren. Erneut steigende Infektionszahlen hätten zwangsläufig zur Folge, dass unsere Alten, Kranken und Schwachen besonders gefährdet werden. Ich hoffe darauf und bete dafür, dass dies nicht geschieht und wir diese Krise gemeinsam durchstehen.

Herzliche Grüße - und bleiben Sie vor allen Dingen gesund

Ihr Patrick Ristau
 
 

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