Gruppentreffen haben ihre eigene Dynamik

Als ich den Gruppenraum betrat und die ersten Gruppenmitglieder mich mit einem freundlichen Hallo begrüßten, spürte ich, dass mir eine sehr traurige Stimmung entgegenkam. Warum und ob es tatsächlich so ist, wie ich es in meiner Magengegend spürte, war zu diesem Zeitpunkt nur eine Vermutung und mein ureigenes Gefühl.
Ich war mir gefühlsmäßig sicher, dass die Gruppe heute sehr anstrengend werden würde, es lag irgendetwas in der Luft, was die Atmosphäre trübte. Doch es waren noch nicht alle Teilnehmer da und wir hatten Gelegenheit, die gut belegten Brötchen, die wir seit Bestehen der Gruppe bekommen, zu genießen. Lassen Sie mich die Gelegenheit nutzen, um an dieser Stelle Herrn Professor Benz und seiner Sekretärin herzlich für die gute Betreuung und Versorgung mit Brötchen, Kaffee, Tee und  Sprudel zu danken.


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Außergewöhnliche Situation
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Immer wieder ging die Tür auf und es traten weitere Gruppenmitglieder ein. Spätestens jetzt sah und fühlte ich, als ich in die Gesichter der Betroffenen und ihrer Angehörigen schaute, dass meine Vermutung immer greifbarer wurde und ich mich auf eine außergewöhnliche Situation einstellen musste. Bereits während der offiziellen Begrüßung sah ich, wie eine Teilnehmerin unruhig auf ihrem Platz hin und her rutschte und Tränen über ihr Gesicht liefen.

Aus Erfahrung weiß ich, dass es jetzt sehr darauf ankommt, dass ich in meiner Funktion als Gruppenleiterin richtig reagiere. Ein falsches Wort, eine falsche Geste können dazu führen, dass die Gruppe kippt und es verdammt schwer wird, sie wieder aufzufangen. So entschied ich mich, die Gruppe einzubinden und fragte: „Wie fühlt Ihr Euch im Moment?“ Sofort meldeten sich einige zu Wort und berichteten darüber, was sie Positives oder auch Negatives in den letzten vier Wochen erlebt haben. Ich hörte zu, beantwortete Fragen und ließ dabei die Dame nicht aus den Augen, bei der ich stark vermutete, dass ihre Traurigkeit mit ihrer Erkrankung zu tun hatte.
Nachdem einige über ihren Urlaub und schöne Erlebnisse sehr positiv berichteten, nutzte ich die gute Stimmung und fragte sie: „Und wie geht es Dir? Ich habe das Gefühl, Du bist heute sehr traurig? Willst Du mit uns darüber reden oder willst Du noch ein wenig warten?“
„Ja, ich will, nein ich muss mit Euch reden, mir geht es sehr schlecht.“
Wie ein Vulkan brach es aus ihr heraus. „Mein Krebs ist wieder zurückgekommen, obwohl mir der Arzt nach der Operation gesagt hat, es sei alles entfernt worden und ich bräuchte keine Angst mehr zu haben. Und jetzt war ich bei der ersten Nachsorge, es wurde ein MRT gefahren und dabei wurde festgestellt, dass ich viele Metastasen in der Leber habe.“

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Angst vor der Chemo
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Ohne Unterbrechung sprach sie weiter, es wurde ihr dringend angeraten, eine Chemotherapie zu machen, wenn nicht, hätte sie nur noch wenige Monate zu leben.
Unter Tränen sprach sie weiter: „Ich habe schreckliche Angst vor der Chemo, aber sterben will ich auch noch nicht!“
Liebevoll sah sie ihren Mann, der neben ihr saß, an und sagte: „Auch mein Mann und unsere Kinder sind total traurig und haben Angst. Wir sind alle total überfordert, hilflos und der Erkrankung ohne jegliche Perspektive ausgeliefert.“ Ihr Mann nickte und meinte: „Seit ein paar Tagen ist alles verändert, wir hatten doch geglaubt, dass der Krebs nach der großen Operation besiegt war, so hat man es uns vermittelt.“
„Warum hat man mir nach der Operation nicht die Wahrheit gesagt? Warum hat man nicht gesagt, dass der Krebs zurückkommen kann? Warum hat man mir gesagt, dass ich keine Chemotherapie bräuchte? Ich kann das nicht verstehen, es macht mich wütend und es ist für mich und meine Familie kaum zu ertragen.“
Nachdem sie alles, was ihre Angst, Trauer und Sorgen machte, herausgeschrien hatte, weinte sie bitterlich und war kaum zu beruhigen. Alle, die dasaßen, waren betroffen und bewegt.

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Warum kommt der Krebs zurück?
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Mein Blick in die Runde ließ erkennen, dass mehr als die Hälfte der Anwesenden weinte und weitere hatten Tränen in den Augen. Jeder litt in irgendeiner Weise mit und so mancher sah sich mit seiner eigenen Erkrankung und Situation konfrontiert. 
Auch mir ging es heute sehr nahe, es tat in der Seele weh, mit anzusehen, wie traurig, hilflos und hoffnungslos die Betroffene und ihr Mann waren.
Doch meine Empfindungen spielten in diesem Moment nur eine untergeordnete Rolle, ich musste irgendwie versuchen, die Gruppe aus dem tiefen Loch zu ziehen.
Ich wusste, dass ich jetzt eine Lösung finden musste, damit die Gruppe wieder aus dem Tief herauskommt und niemand traurig nach Hause geht. Doch wie und ob es mir ge- lingen würde, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht.
Manchmal können Gruppen unberechenbar und emotional ab- laufen und dabei eine Dynamik entwickeln, die selbst erfahrene Psychologen an ihre Grenzen bringt. Auch die heutige Gruppe schien aus dem Ruder zu laufen, ich musste dringend handeln.
Kurzerhand entschloss ich mich, die Gruppe von der emotionalen Ebene auf die sachliche Ebene zurückzuführen.
„Lasst uns eine kurze Pause machen. Jeder kann und darf während der Pause weinen, traurig oder still sein, oder einfach den Raum verlassen. Lasst Euren Gefühlen freien Lauf. Nach der Pause werden wir alle gemeinsam ruhig und besonnen über unsere eigenen Erfahrungen, Eindrücke, Erlebnisse berichten und vielleicht können wir so einen Weg finden, dass wir später alle gestärkt aus der Gruppe gehen und der Betroffenen damit helfen können, einen Weg aus ihrer Angst zu finden.“ Alle waren einverstanden und versuchten, ihre eigenen Gefühle zu sortieren, bevor es weiter ging.
Ich nutzte die Pause, um einen klaren Gedanken zu fassen, dabei ließ ich die Teilnehmer nicht aus den Augen. Ich wusste, es nützt der Gruppe nichts, wenn ich als Gruppenleiterin den Überblick verliere und nicht in der Lage bin, meine Gefühle und Empfindungen zu ordnen. Eine Gruppe muss sich auch in schwierigen Situationen geborgen und getragen fühlen.
Nach der Pause waren die Tränen getrocknet und es schien so, dass alle wieder auf der Sachebene angekommen waren. Behutsam lenkte ich das Gespräch in eine positive Richtung, indem ich Betroffene und Angehörige die Gelegenheit gab, über ihre positiven Erfahrungen und Erlebnisse zu berichten. Mein Ziel war, dass wir der Betroffenen und ihrem Mann wieder Hoffnung, Zuversicht und neuen Mut vermitteln.
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Zeitliche Ansagen sind keine Option
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Jeder in der Gruppe war gefragt, jeder half auf seine Art.
 „Gib nicht auf! Glaube nicht alles, was dir die Ärzte sagen, schon gar nicht, wenn es sich um Zeitansagen handelt. Es gibt heute Therapien und Behandlungen, die helfen. Ja, die Therapien sind kein Spaziergang, doch man kann es schaffen, sie zu ertragen. Außerdem gibt es gute Medizin, die einem z. B. bei starker Übelkeit hilft.“
„Wir alle haben unsere negativen Erfahrungen und doch leben wir.“
„Mir geht es genauso wie Dir, auch ich habe große Angst vor jeder Kontrolluntersuchung, besonders, seit neue Metastasen aufgetreten sind. Ich habe schon viele Chemos über mich ergehen lassen müssen und nicht immer habe ich sie gut vertragen, doch ich mache es, weil ich weiterleben will.“

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Viele sind ohne Unterstützung oftmals überfordert
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Immer wieder stellten die Betroffene und ihr Mann Fragen: „Woher nehmt Ihr die Kraft zu kämpfen, woher habt Ihr Euer Wissen? Wer hat Euch in der schwierigen Zeit ge- holfen, unsere Kinder sind total überfordert.“
Wie aus einem Mund kam: „... in der Gruppe haben wir sehr viel erfahren und gelernt. Wir kommen schon einige Zeit in die Gruppe und möchten diese nicht missen. In der Gruppe erfährt man oftmals mehr als Ärzte uns je sagen konnten. Vieles wurde uns erst hier richtig und verständlich erklärt, wie z. B. die richtige und ausreichende Enzymeinnahme, welche Chemo es gibt, welche Nebenwirkungen und was man selber tun kann. Ja, und was ganz besonders wichtig ist, man wird aufgefangen, getragen und begleitet.
Wie gesagt, wir sitzen alle im gleichen Boot, wir helfen uns gegenseitig, indem einer für den anderen da ist, das macht diese Gruppe aus. Ich freue mich jeden Monat auf das Treffen und komme immer wieder gerne.“ Das wäre fast das Schlusswort gewesen, doch ich musste wissen, wie es jedem einzelnen jetzt geht und ob ich sie mit  ruhigem Gewissen nach Hause gehen lassen kann.
Um ganz sicher zu sein, ob es mir gelungen ist, die Dame und die Gruppe aus dem Tief zu führen, fragte ich: „Wie geht es Euch jetzt in diesem Moment? Kann ich die Gruppe schließen und sicher sein, dass Ihr nicht mehr traurig seid? Ansonsten, wenn es noch Fragen gibt oder ein Gesprächsbedarf besteht, ruft mich an und wir reden.“

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Das Feedback war überaus positiv. „Danke! Diese Gruppe ist einzigartig. Toll, wie Du uns heute wieder aus einem schrecklichen Tief herausgeholt hast. Wer gibt Dir immer wieder die Kraft, uns zu helfen. Woher nimmst Du das Wissen, die Kraft und die Gabe, eine Gruppe, die kurz davor steht zu kippen, zu beruhigen und wieder vom Negativen zum Positiven oder gar zum Lachen zu bringen?“
Nach so vielen positiven Worten war ich sehr froh und dankbar, dass ich, von woher auch immer, die Gabe bekam, Menschen Mut, Hoffnung und Kraft zu verleihen und dabei immer offen und ehrlich zu bleiben und keine falschen Hoffnungen zu machen.
Diese Gruppe zu leiten erfordert viel Wissen, Erfahrung, Empathie, Kraft und Mut. Nicht jeder kann, auch  wenn er es gerne möchte, eine so schwierige Gruppe übernehmen und leiten. Die ständige Konfrontation mit Erkrankung, Angst, Kummer, Trauer und Endlichkeit verlangen von jedem, der sie leitet, sehr viel ab. Mein Wissen, jahrelange Erfahrung und meine Grundvoraussetzung der Menschlichkeit haben heute dazu geführt, dass ich die Gruppe wieder sicher führen konnte.
Mit Freude stellte ich fest, dass nach der Gruppe die Teilnehmer noch lachend und zufrieden zusammenstanden und über das eine oder andere sprachen.
Mein Dank geht an diese großartige Gruppe, ohne ihre Hilfe wäre der Gruppennachmittag bestimmt anders verlaufen.

Katharina Stang
 
 

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