Palliativversorgung

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Oftmals setzen Betroffene und ihre Angehörigen das Wort „palliativ“ mit der Aussage „... jetzt ist alles zu Ende“ gleich. Dem ist nicht so: Palliativ heißt erstmal „nicht heilbar“.
Vor einiger Zeit bekam ich einen Anruf von einem Betroffenen, der mir völlig aufgelöst berichtete, dass er eine palliative Chemotherapie bekommen soll. Im gleichen Atemzug sagte er: „Das mache ich nicht, warum soll ich mir Chemo geben lassen, wenn es doch keinen Sinn mehr macht?“ Da war es wieder,    palliativ gleich Ende!
Nach einer kleinen Pause erklärte ich dem Betroffenen ruhig und besonnen, dass man mit einer palliativen Chemotherapie den Ist-Zustand und die Lebensqualität erhalten und die Lebenszeit verlängern will.
Gerade beim Bauchspeicheldrüsenkrebs befindet man sich bereits bei der Diagnosestellung in einer palliativen Situation, weil dieser Krebs bis heute nicht heilbar ist. Und doch hat man heute gute Chancen, mit einer gezielten Behandlung und Therapie das Leben deutlich zu verlängern.
Das Wort „palliativ“ löst nach unserer Erfahrung bei vielen Betroffenen und ihren Angehörigen Angst aus. Oftmals glauben sie, wenn sie sich in einer palliativen Situation be- finden, dass ihre Lebenszeit eingeschränkt und begrenzt ist.

Gott sei Dank - dem ist nicht so!

Palliativmedizin wird nicht nur in der letzten Lebensphase eingesetzt. Auch ein schwerkranker Mensch kann dank der Palliativmedizin noch mehrere Jahre leben. Sie kann ihm ab der Diagnosestellung zu mehr Lebensqualität verhelfen. Außerdem ist es möglich, palliative Ansätze begleitend zu einer auf Genesung ausgerichteten Therapie anzuwenden.
Wenn bei einem Erkrankten eine   Palliativbehandlung notwendig ist, wird zunächst geklärt, welche Symptome den Patienten am meisten belasten. Je nachdem wie das Krankheitsbild und die individuelle Situation sind, wird entschieden, welche Form der Palliativversorgung angewandt wird. Dabei versucht man, auf die Wünsche des Betroffenen und dessen Angehörigen nach Möglichkeit einzugehen. Es wird unterschieden in allgemeine ambulante (AAPV) oder spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV).
Während der AAPV wird die kontinuierliche Versorgung durch Hausund Fachärzte in Zusammenarbeit mit den Pflegediensten, Seelsorgern, Sozialarbeitern, Psychologen und Therapeuten gesichert. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter vom ambulanten Hospizdienst können während der Betreuung mit einbezogen werden.
In Deutschland sind wir in der glücklichen Lage, dass wir eine gute Palliativmedizin, gute Ärzte und gutes Pflegepersonal haben, die speziell ausgebildet sind. Sie sehen ihre Aufgabe meist darin, Menschen mit einer unheilbaren Erkrankung die verbleibende Lebenszeit zu erleichtern.
Es geht in dieser Zeit nicht in erster Linie darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.
Unter Palliativmedizin versteht man eine ganzheitliche und aktive Behandlung. Sie umfasst Schmerztherapie, Pflege, psychologische Betreuung, soziale Beratung, Hilfe bei der Vorbereitung von Entlassung und Verlegung von Patienten mit einer fortschreitenden unheilbaren Erkrankung und einer begrenzten Lebenszeit.
Das Ziel der palliativen Behandlung ist die Linderung der Symptome und nicht die Beeinflussung der Endlichkeit. Die Palliativmedizin sagt Ja zum Leben und beschleunigt nicht das Ende oder zögert es hinaus. 90 % aller Patienten mit tumorbedingten Schmerzen können heute so behandelt werden, dass sie weitgehend schmerzfrei sind oder der  Tumorschmerz auf ein erträgliches Maß reduziert wird.
Die Palliativmedizin hilft den Betroffenen, ihr Leben so aktiv wie möglich bis zu ihrem Ende zu gestalten. Dazu gehören positive Erlebnisse, wie z. B. Gespräche, Begegnungen, einfach in den Himmel zu schauen, ein geliebtes Musikstück zu hören oder auch mit einem Haustier zu kuscheln.
Es ist aber genauso wichtig, neben der körperlichen Versorgung auch an die psychosoziale und spirituelle Begleitung zu denken. Dabei helfen die Betreuer dem Betroffenen, z. B. seine jetzige Situation zu akzeptieren, mit seiner Vergangenheit Frieden zu schließen und vielleicht belastende Zerwürfnisse, Familienangelegenheiten auszuräumen oder zu klären. Sie versuchen, bestehende Schmerzen zu lindern oder auszuschalten. Wenn es der Betroffene zulässt, kann er über alles, was für ihn in dieser   Situation wichtig ist, sprechen und gegebenenfalls auch handeln.

Wichtig: Palliativmedizin bedeutet immer Teamarbeit, das heißt, dass Ärzte, Pflegepersonal, Sozialarbeiter, Psychologen, Physiotherapeuten und Seelsorger zusammenarbeiten, damit der Betroffene gut betreut wird. Ebenfalls wird das Team oft von ehrenamtlichen Mitarbeitern, die eine besondere Ausbildung in der Hospiz-Arbeit haben, unterstützt, indem sie schwerstkranke Menschen begleiten und sie nicht  alleine lassen.
Nicht nur der Betroffene wird während dieser schwierigen Zeit betreut, sondern auch die Angehörigen. Dabei gehen die Helfenden oftmals auch auf psychische oder finanzielle Sorgen ein. Diese Helfer haben nicht nur ein großes Fachwissen, sie ver- fügen auch über große Erfahrung, Menschlichkeit und Empathie.

Wenn das Beschwerdebild des Betroffenen schlimmer wird, werden spezialisierte Fachkräfte hinzuge- zogen, die die Schmerztherapie und Symptomkontrolle überwachen und gegebenenfalls nach Absprache mit dem behandelnden Arzt diese verändern können. Man spricht dann von einer spezialisierten Palliativversorgung, die es ermöglicht, dass der schwerkranke Betroffene weiterhin zu Hause leben kann. Ca. 10-15 % der Schwerkranken benötigt eine spezialisierte Palliativversorgung.
Sollte es nicht möglich sein, die Versorgung zu Hause zu gewährleisten, gibt es die Möglichkeit, auf eine Palliativstation im Krankenhaus zu wechseln, wenn medizinisch noch interveniert werden kann. Des Weiteren besteht die Möglichkeit, in eine palliativmedizinische Einrichtung zu gehen.
Es gibt extra Palliativstationen, in denen die Zimmer wohnlich eingerichtet sind, sie sollen möglichst wenig an ein Krankenhaus erinnern. Auch für die Angehörigen kann meistens eine Übernachtungsmöglichkeit zur Verfügung gestellt werden. Auch der Personalschlüssel ist anders, das heißt, hier hat das Pflegepersonal mehr Zeit für den Betroffenen
Das Pflegeteam hat die Aufgabe, den Patienten und die Angehörigen ganzheitlich zu unterstützen, bis die Beschwerden gelindert und die Betreuung zu Hause gesichert ist. Voraussetzung zur Aufnahme auf eine Palliativstation ist, dass man medizinisch noch etwas tun kann, und es muss eine „Krankenhausbehandlungsbedürftigkeit“ festgestellt werden. Die durchschnittliche Verweildauer auf der Palliativstation beträgt in der Regel zwischen 12 und 14 Tagen.
Aus diesem Grunde sollte man schon frühzeitig überlegen, ob die Entlassung nach Hause oder in eine Pflegeeinrichtung erfolgen soll. Es gibt verschiedene Arten von Pflegeeinrichtungen. Wir kennen das Pflegeheim oder auch die ambulante oder stationäre Hospizbehandlung. Palliativ- und Hospizversorgung ähneln sich sehr. Die Palliativver- sorgung, ambulant oder stationär, ist hauptsächlich auf die medizinische Versorgung durch das Team ausgerichtet. Es werden Erkrankte mit starken Schmerzen oder anderen Symptomen engmaschig betreut und behandelt. Dieses kann die Hospizversorgung nicht leisten. Das Ziel der Hospizarbeit ist das Begleiten in der gewohnten Umgebung durch eine individuelle, medizinische und pflegerische Behandlung bis zum Ende sowie ein würdevolles Sterben zu ermöglichen. Sollte dieses nicht möglich sein und eine Krankenhausbehandlung ist nicht erforderlich oder gewünscht, kann der Patient in einem stationären Hospiz aufgenommen werden.
Ein Hospiz ist eine unabhängige Pflegeeinrichtung, in der Schwerstkranke mit absehbarem Lebensende psychisch, sozial und seelsorgerisch in der letzten Phase betreut werden. Auch die Angehörigen erhalten bei Bedarf Unterstützung durch das Team des Hospizes.
Es ist wichtig zu wissen, dass die Palliativ- und Hospizversorgung aufeinander angewiesen sind und sich ergänzen, da unter anderem die ehrenamtlichen Helfer des Hospizes auch in der Palliativversorgung zum Einsatz kommen. Die Palliativversorgung ist eine wichtige, sinnvolle und wertvolle   Errungenschaft und für uns alle ein Segen.

Mechthild Maiß/Katharina Stang