Weinen kann befreien

weinen1.jpgLachen und Weinen gehören für mich zusammen, deshalb habe ich über beide Themen in unserem Magazin geschrieben.
Das Lachen wie das Weinen erlebe ich tagtäglich im Umgang mit Betroffenen und deren Angehörigen. Dabei stelle ich fest, dass Menschen völlig unterschiedlich auf Einflüsse, Erlebnisse, Begegnungen, Gespräche, Diagnosen und vieles mehr reagieren und ihre Gefühle zeigen. So höre ich sehr oft: „Als ich die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs bekam, war ich geschockt und fühlte mich leer. Mein Gesicht war versteinert, starr und regungslos. Wie gern hätte ich meinen Gefühlen der Angst, Trauer oder auch Wut freien Lauf gelassen und einfach nur geweint. Doch ich konnte nicht weinen, ich war tränenleer!“
So berichtete eine Betroffene in der Gruppe: „Während der gesamten Zeit der Erkrankung meines Partners, in der wir Höhen und Tiefen erlebt haben, weinten wir regelmäßig miteinander. Gespräche darüber, wie es weitergeht, was die Zukunft bringen wird, und was am Ende des Tages mit uns geschieht, waren Themen, die uns traurig stimmten und emo- tional sehr bewegten und berührten. Ohne dass wir es wollten, rannen uns die Tränen über das Gesicht, wir weinten. Nicht immer fühlten wir uns nach dem Weinen befreit von allem, aber es gab uns beiden eine ganz besondere Verbundenheit. Plötzlich erkannten wir Gefühle, Emotionen, die wir während unserer langen Ehe nicht so empfunden hatten. Vor der Erkrankung machten wir Angst, Traurigkeit, Wut und Zorn mit uns selber aus. Weinen werteten wir als Schwäche. In der Zeit der Krankheit erlebten wir nie dagewesene Gefühle und eine Offenheit, die uns trotz allem glücklich machte und mir bis heute hilft, über den Verlust und Abschied meines Partners hinwegzukommen. Mit seinem Tod waren meine Tränen plötzlich versiegt, ich konnte nicht mehr weinen, wir hatten genug geweint.“

Weinen erleichtert und hat oftmals eine reinigende Wirkung

Immer wieder kommt es vor, dass auch in den Gruppen geweint wird, und bei den Teilnehmern durch Gespräche, Erzählungen, Erinnerungen und Begebenheiten ein Ventil geöffnet wird, indem man weint. Das Weinen erleichtert und hat oftmals eine reinigende Wirkung auf die Seele. Es können sich dadurch Wege und Lösungen auftun, die man vorher nicht gesehen hat. In den meisten Fällen versuchen wir dem Weinenden den Raum zu geben, damit er seine oftmals angestauten Gefühle und Emotionen rauslassen kann.

In den vielen Jahren intensiver Arbeit mit schwerstkranken Menschen und deren Angehörigen habe ich gelernt, dass man durch das Tal der Traurigkeit gehen muss, um wieder Licht am Horizont zu sehen. In einer gut funktionierenden Gruppe, in der die Menschlichkeit eine tragende Rolle spielt, werden Menschen mit ihren Tränen und Sorgen aufgefangen und ermutigt, nicht aufzugeben. Zeit heilt Wunden. Der Schmerz lässt nach, und die Tränen werden wieder trocknen.
weinen2.jpgNicht jeder kann und will vor seinem Partner, Kindern, Freunden oder in der Öffentlichkeit weinen. Oft hindert einen das Gefühl, dass man dadurch Schwäche zeigen könnte. Sie alle kennen die Redewendungen, wie z. B.: „Der oder die ist nah am Wasser gebaut.“ - „Du bist eine Heulsuse.“ - „Du bist sehr wehleidig.“ Doch ganz ehrlich, wollen wir, dass man so über uns denkt?
Weinen kann man oft in unserer sozialen Gesellschaft nicht gut aushalten. Die Konfrontation mit weinenden Menschen belastet, berührt und nicht selten fühlt man sich hilflos und überfordert.

Weinen ist keine Frage des Geschlechts, des Alters oder der Herkunft

Weinen kann Blockaden öffnen, aufgestaute Emotionen lösen und dadurch körperliche Symptome wie z. B. Übelkeit, Bauchweh, Kopf- und Rückenschmerzen vermindern. Weinen erfüllt zwei Funktionen: Es kann den Umgang mit seinen Gefühlen regeln und auch die Kommunikation oder den Austausch mit den    anderen fördern. Tränen haben kulturelle und psychologische Gründe. Weinen ist keine Frage des Geschlechts, des Alters oder der Herkunft.
Man kommt auf die Welt und als   erstens schreit man, es ist noch kein weinen, das kommt später!
weinen3.jpgDas Weinen dient in den ersten Monaten dazu, dass das Baby mit seinen Bezugspersonen kommuniziert. Ein Baby weint in den ersten beiden Jahren ca. 30-120 Minuten am Tag. Eine Mutter versteht sehr schnell, ob ihr Baby/Kleinkind weint, weil es Hunger, Durst, Schmerzen hat oder ob es aus Wut, Zorn, Aggression oder Langeweile weint.
In einigen Berichten habe ich gelesen, dass Forscher ab dem 13. Lebensjahr beobachtet haben, dass sich geschlechtsspezifisch beim Weinen  etwas verändert. Es wurde in psychologischen Untersuchungen festgestellt, dass Frauen oft aus unterdrückter Aggression und Männer aus Empathie oder wegen eines Verlusts weinen.
Auch weinen Frauen häufiger und länger (30-64 Mal pro Jahr, ca. 6 Minuten) als Männer (6-17 Mal und nur für 2-4 Minuten).
Die Vermutung ist, dass das Hormon Testosteron bei Männern Tränen hemmt. Umgekehrt ist Weinen bei Frauen oft ein Symptom von kom- plexen körperlichen und emotionalen Beschwerden im Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus. Diese Beschwerden setzen oftmals vier bis vierzehn Tage vor dem Beginn der Regelblutung ein und können in jedem Monatszyklus einer Frau auftreten und mit Beginn der Regel aufhören. Dies nennt man ein prämenstruelles Syndrom (PMS).
Auch stelle ich in den Gruppen fest, dass Menschen aus südlichen Ländern mehr, schneller und auch lauter weinen. Soziale Faktoren spielen hierbei sicher eine Rolle. Ob und wie jemand weint, hängt oft von der Erziehung und kulturellen oder gesellschaftlichen Normen ab. In den westlichen Ländern findet das Weinen häufig im privaten oder geheimen statt.
In Studien wurde aufgezeigt, dass Deutsche, Engländer und Schweden weniger weinen als Menschen aus den südlichen Ländern. In manchen Kulturen werden das Weinen, Schluchzen und Klagen bei einem Trauerfall als normal angesehen.
Noch in der Antike wurde das Weinen als schön und echt gewertet. Erst später wurde es als Zeichen von Schwäche, Verweichlichung und ungelebten Emotionen empfunden und wurde abgewertet.   
In früheren Zeiten war das Weinen oder das Zeigen von starken Gefühlen und Emotionen auch bei Männern nicht verpönt. Heute dagegen wird es häufig oft als Schwäche ausgelegt.
Meistens spielt die Persönlichkeit und für meine Begriffe auch die Erziehung eine entscheidende Rolle. Menschen, die sehr nach innen gerichtet sind und oftmals keine oder nur wenige Gefühle nach außen zulassen, lassen auch ihre Tränen nicht einfach fließen.
Dagegen neigen Menschen, die nach außen gerichtet sind, eher dazu, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen.  Dabei kann es sein, dass sie auch hemmungsloser weinen.
Immer wieder erlebe ich, dass Menschen, die jemanden durch den Tod verloren haben oder an einer Depression leiden, nicht weinen können. Sie befinden sich oftmals in einer Schockstarre und leiden so sehr, dass sie nicht weinen und damit ihre Gefühle loslassen und verarbeiten können.
Andere dagegen weinen ständig und bei jeder Gelegenheit und zeigen ohne Hemmungen ihre Gefühle und Emotionen. Es ist schwer zu sagen, was für einen außenstehenden Menschen belastender ist: wenn man ständig weint oder wenn man versteinert? In allen Fällen ist es wichtig, einen persönlichen Zugang zu finden, um vielleicht helfen zu können.  
Wer weint, ist traurig, verletzt, gerührt, verzweifelt, wütend, zornig, hilflos oder glücklich. Es gibt auch Freudentränen.
Es gibt auch das Weinen auf Knopfdruck, damit können Menschen positiv wie negativ beeinflusst werden. Das nennt man einen geplanten Tränenausbruch, mit dem man meist etwas erreichen oder umsetzen will.
Es gibt, lt. wissenschaftlichen Erkenntnissen, drei Tränenformen. Neben den emotionalen Tränen, die nur der Mensch weint, gibt es auch die sogenannten basalen Tränen. Diese befeuchten, reinigen und schützen das Auge. Die reflektorischen Tränen entstehen durch Fremdeinwirkung wie z. B. beim Zwiebel schneiden, durch Wind oder Rauch.
Die Bestandteile aller drei Tränenflüssigkeiten sind: Elektrolyte, Wasser und Eiweiße, jedoch sind sie in unterschiedlicher Konzentration. Emotionale Tränen enthalten um ein Mehrfaches an Eiweißen als reflektorische Tränen. Die emotionalen Tränen haben weniger Flüssigkeit, dafür mehr Serotonin (Gewebshormon und Neurotransmitter) und bei Frauen mehr Prolaktin (Hormon).  
Ob das Weinen tatsächlich immer hilft, körperlichen oder seelischen Schmerz zu lindern, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Aber was ich feststelle: Weinen macht oftmals den Kopf frei und schafft Raum für positive Gedanken. Man sieht förmlich, wie sich das Gesicht eines Menschen nach dem Weinen verändert. Die Gesichtszüge wirken oftmals auch nicht mehr so starr, sondern sind  wesentlich entspannter, auch wenn die Spuren der Tränen noch weiterhin sichtbar sind.
Die Tränen sind für den Transport unserer Gefühle zuständig und setzen oftmals sämtliche Regeln, vernünftig zu denken und handeln, außer Kraft. Und doch ist es wichtig, dass man es zulässt.
Wenn Ihnen zum Weinen ist, dann weinen Sie und unterdrücken Sie Ihre Tränen nicht und lassen Sie die damit verbundenen Emotionen raus. Nur dann kann es Ihnen Erleichterung bringen! Es ist keine Schwäche zu weinen und damit seine Gefühle zu zeigen, sondern es ist auch ein Zeichen von Stärke. Das Weinen kann so wie das Lachen heilsam sein, - beides gehört zum Leben!

Ihre Katharina Stang