Wenn der Einklang zwischen Körper und Seele gestört ist

Immer wieder erreichen mich Emails von Betroffenen, die mir schreiben: „Katharina, ich fühle mich traurig, lustlos, erschöpft und müde. Mein Körper schmerzt und meine Gefühlswelt hat enorme Schwankungen. Ich bin nicht mehr der, der ich einmal war!
Es fällt mir schwer, meinen Alltag wie z. B. kochen, putzen, essen,  duschen zu bewältigen und auch Hobbys nachzugehen. Ich fühle mich oft wie gelähmt. Dazu kommt, dass ich mich an Gesprächen und Diskussionen nicht mehr beteiligen will, weil ich mich müde und erschöpft fühle, und ich mich nicht so, wie es nötig wäre, konzentrieren kann.
Ich fühle mich in diesem Augenblick hilflos und wertlos. Am liebsten würde ich im Bett liegen bleiben und mir dabei die Decke über den Kopf ziehen. Einfach nichts mehr hören und sehen.
Dann gibt es Augenblicke, in denen ich völlig zerrissen bin. Mal will ich alleine sein, mal unter Freunden, mal will ich spazieren gehen, dann doch lieber zu Hause bleiben. Ich fühle mich unfähig, meine Wünsche klar und deutlich zu definieren und Entscheidungen zu treffen.
In diesem Chaos der Gefühle kommt es nicht selten zwischen meinem Partner und mir oder in der Familie zu Spannungen, die mich dann wiederum sehr belasten.
Das Resultat ist, da ich mich selbst nicht verstehe und auch nicht konkret erkennen kann, was mit mir los ist, dass ich mich immer mehr zurückziehe. Ich komme mir vor wie eine Schnecke, die sich in ihr Haus zurückzieht. Dazu kommt, dass mir Zuversicht und Hoffnung schwinden, diesen Zustand der Hilflosigkeit jemals wieder verlassen zu können.
Katharina, kannst Du verstehen, dass ich keine Freude und Trauer verspüre und dass ich weder lachen noch weinen kann? Ich verstehe mich selbst nicht mehr!“

Was machen solche Emails oder auch Anrufe mit mir?

Sie berühren, bewegen mich und machen traurig. Ich spüre, dass Betroffene und auch ihre Angehörigen unter diesem Gemütszustand sehr leiden, und es erinnert mich an meine eigene Erfahrung mit dieser Erkrankung.
Es fühlt sich so an, als ob es gestern gewesen wäre, als bei mir damals die Diagnose „mittelgradige Depression“ gestellt wurde.

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Mir ging es auf Grund meiner langen, und wie ich heute weiß, unentdeckten oder falsch erkannten Krankheit, sehr schlecht.
Mein Körper schmerzte, meine Seele schrie, und ich verlor mich jeden Tag mehr. Ich war nicht imstande, mir selbst zu helfen oder gar ein normales Leben zu führen. Es fühlte sich an wie ein Ritt auf der Rasierklinge, ich war unfähig, klare und präzise Entscheidungen zu treffen. Und dennoch wusste ich, dass ich einen Weg aus diesem Dilemma, in dem ich mich befand, finden musste. Ich war damals alleinerziehend und hatte eine große Verantwortung für mich und mein Kind, das ich unter keinen Umständen verlieren wollte. Das wäre die Konsequenz gewesen, wenn ich es nicht geschafft hätte.
Genau diese Verantwortung ließ mich eine fast 5 Jahre andauernde ambulante Psychotherapie machen, die mir letztlich geholfen hat, ins Leben zurückzufinden. Es war ein langer, schmerzhafter und trauriger Weg. Ich musste den Schlüssel, der in meiner Kindheit, Jugend und auch in meinem durch Krankheit geprägten Leben lag, finden.
Nachdem ich bereit war, den steinigen und oftmals quälenden Weg auf mich zu nehmen, konnte ich die Umstände, die nicht mehr zu ändern waren, aufarbeiten und mein Leben neu ordnen, - es ging mit mir aufwärts.
Heute geht es mir um ein Vielfaches besser. Ich habe Frieden in mir und in der Vergangenheit gefunden. Ich habe gelernt, mit meinen Gefühlen umzugehen und kann inzwischen  akzeptieren, dass es durchaus normal ist, wenn man dabei in sogenannte Fettnäpfchen außerhalb der „gängigen Normalität“ tritt. Ich bin heute mit mir im Reinen.
Ich hatte neben der Therapie auch das Glück, während der Behandlung meinen Mann kennenzulernen. Er hat mir sehr geholfen, zu dem Menschen zu werden, der ich heute bin. Er war an meiner Seite und ist mit mir jeden Schritt mitgegangen, wenngleich meine extremen Stimmungsschwankungen für ihn oft sehr schwer anzusehen und zu er- tragen waren.
Ich hatte sozusagen Glück im Unglück: Zwar hatte ich eine schwere Erkrankung, die mehrere Operationen nach sich zog, aber keinen Krebs. Ich musste mich nicht zusätzlich mit der Angst, die alleine das Wort Krebs auslöst, auseinander- setzen. Dennoch war meine Psyche stark in Mitleidenschaft gezogen. Wie muss es da erst Menschen gehen mit der Diagnose Krebs?

Betroffene und Angehörige haben ein Recht auf psychoonkologische Betreuung!

Oftmals benötigen Betroffene oder deren Angehörige dringend psychologische Hilfe, weil die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs sie völlig aus der Bahn geworfen hat. Darauf haben sie durchaus Anspruch und bekommen dies von der Krankenkasse auch bezahlt.
Aus vielen Beratungsgesprächen mit Betroffenen und ihren Angehörigen höre ich heraus, dass es sich häufig bei den Schilderungen ihrer augenblicklichen Lebenssituation, die durch unterschiedliche Faktoren aus gelöst wurde, nicht nur um eine Stimmungsschwankung handelt. Es kann sich eine weitere Erkrankung, wie z. B. Depression, dahinter verbergen.
Da ich kein Arzt bin, kann ich nicht beurteilen, ob es sich dabei um einen schlechten Tag, ein seelisches Tief oder gar um eine Depression handelt. Jeder von uns kennt es, man hat mal einen schlechten Tag und alles geht schief, man hängt einfach durch. Das ist, so finde ich, völlig normal. Wichtig ist nur, dass man aus diesem Stimmungstief wieder aus eigener Kraft herauskommt.
Dagegen ist eine Depression etwas ganz anderes, und ein erfahrener Arzt kann sie gut von einem aktuellen oder dauerhaften Tief abgrenzen. Er ist auch der, der am besten einschätzen kann, um welche Art der Erkrankung es sich handelt, da es verschiedene Erscheinungsbilder von Gemütsschwankung bis Depression gibt.

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Er wird versuchen herauszufinden, wo die Ursachen liegen und welche Therapie in Frage kommt. Dabei kann er wählen zwischen den verschiedensten Therapieformen, wie    z. B. Medikamente, Psychotherapie und, wenn nötig, auch einen Klinikaufenthalt in einer psychosomatischen Einrichtung befürworten.


Mit welchen Themen werde ich konfrontiert?

In meiner Funktion als Vorsitzende von TEB e. V., Gruppenleiterin oder Moderatorin in den verschiedensten Regionalgruppen, auch online, werde ich immer wieder mit den    unterschiedlichsten Stimmungsschwankungen, Gemütszuständen wie Freude, Trauer, Lachen, Weinen, Hilflosigkeit u. v. m. konfrontiert. In den meisten Begegnungen meiner ehrenamtlichen Tätigkeit beobachte ich, dass sowohl körperliche als auch seelische Empfindungen, die jahrelang nicht wahr und ernst genommen wurden, den Körper wie die Seele schädigen können.
Körper und Seele sind nicht voneinander zu trennen, sie gehören zusammen wie vieles in der Natur: kalt und warm, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Ob zuerst der Körper und dann die Seele oder zuerst die Seele und dann der Körper krank waren, muss häufig in mühevoller Kleinarbeit herausge- funden werden, damit eine adäquate Behandlung eingeleitet werden kann.
Körperliche wie seelische Schmerzen hängen oft voneinander ab. Man sagt: Rückenschmerzen können ein Ausdruck dafür sein, dass die Last, die getragen werden muss, zu groß ist. Oder dass Angst und Sorge die Kehle zuschnüren und es einem die Sprache verschlägt. Alles schlägt auf den Magen und lässt das Blut in den Adern stocken und es lähmt.

Nicht immer ist es leicht zu erkennen, warum man sich schlecht fühlt, warum Schmerzen vorhanden sind und vor allem weiß man nicht, wann Körper und Seele aus dem Gleichgewicht gekommen sind, und wann sich aus einem körperlichen Schmerz ein seelischer Schmerz entwickelt hat.

Wie finde ich es heraus?

Auch hier kann ich nur von mir berichten. Es konnte mir damals keiner sagen, wie lange es dauert, bis ich wieder mit mir und meinem Körper im Einklang bin. Für mich fühlte es sich an, als würde ich nie mehr aus dieser ausweglosen Situation herausfinden. Aus vielen Gesprächen mit Betrof- fenen höre ich heraus, dass es ihnen so ähnlich ergeht, wie ich es auch erlebt habe. Oftmals können Kleinigkeiten das „Fass zum Überlaufen“ bringen und einen Zustand der völligen Erschöpfung, Antriebslosigkeit, Angst und Trauer auslösen, aus dem der Betroffene ohne fachliche und kompetente Hilfe nicht mehr herauskommt. Auch die Angehörigen sind mit dieser Situation überfordert, hilflos und können niemals einen Arzt oder Therapeuten ersetzen. Oftmals sollten sich beide, Betroffener und Angehöriger, behandeln lassen, damit es keine Einbahnstraße wird.

Es ist für den Angehörigen sehr wichtig zu vermeiden, dass er sich selbst verliert, wenn sich ein Partner durch die Krankheit vorübergehend oder auch langfristig verändert. So fragte mich eine Betroffene: „Katharina, wo ist der Knopf, den ich drücken muss, damit ich wieder „normal“ bin? Was kann ich tun, um wieder Kraft und Lust zu verspüren und dass mein Leben wieder lebenswert wird?“

Oft suchen Menschen in einem seelischen Tief die Schuld oder die Fehler bei sich und glauben, dass ihr jetziger Zustand die gerechte Strafe für so manches Verhalten in der Vergangenheit ist. Auch mir ging es so: ich machte mich für Dinge verantwortlich, für die ich gar nicht verantwortlich war, weil ich da noch ein Kind war und an so mancher Situation gar nichts ändern konnte. Ich zog mir den Schuh an, obwohl er mir nicht passte! Dieses Denkmuster zieht sich oft wie ein roter Faden durch das gesamte Leben.

Was können Auslöser für die Erkrankung sein?

Ein banaler Streit zwischen Eltern und Kindern oder Ehepaaren, Krankheit, Trauer oder negative Erlebnisse können einen Stein ins Rollen bringen und dadurch eine Lawine in Körper und Seele aus- lösen. Dies kann zu einer  Depression führen, aus der man nur noch schwer und meist nur mit professioneller Hilfe herausfindet. Betroffene spüren häufig viel zu spät, dass ihr Akku leer ist und der Körper oder die Seele die Reißleine ziehen, um sich selbst zu schützen. Erst bei akuten Beschwerden versucht man, sich dagegen zu wehren, indem man sich zusammenreißt und sich zurückzieht. Allerdings entsteht dabei ein weiterer Stressfaktor, weil man sich zusätzlich unter Druck setzt. Schon ist man in einer Spirale, die sich unaufhörlich weiterdreht.
Das ganze Leben ist plötzlich in Unordnung, nichts funktioniert mehr so, wie man es gewohnt war. Es entstehen dabei öfters zusätzliche Stresssituationen, aus denen Streit werden kann, den es vielleicht so nie gegeben hätte.
Botschaft meines Therapeuten „Die Krankheit kommt zu Pferd und geht zu Fuß nach Haus.“ Das heißt, sie kommt schnell und braucht lange, bis sie wieder geht. Noch heute kann ich mich an die Worte meines Therapeuten erinnern die er mir mitgab: „Sie kommen wieder aus dieser Depression heraus, lassen Sie sich Zeit. Lernen Sie, zu sich selbst zu finden, und machen Sie sich nicht mehr abhängig von anderen. Finden Sie die Liebe und Wertschätzung in sich selbst, dann brauchen Sie sie nicht mehr von anderen einzufordern. Wenn Sie mit sich im Reinen sind, können Sie vieles besser verstehen und abwägen, ob Sie sich mit etwas, das Ihnen nicht guttut, belasten wollen oder nicht.“

Hoffnung und Zuversicht nicht verlieren

Es kann lange, auch sehr lange, dauern, bis man wiederhergestellt ist. Ein Kennzeichen der Krankheit Depression ist, dass man oftmals keine Hoffnung auf Besserung sieht. Entscheidend für die Genesung ist, zu wissen, eine Depression ist ein vorübergehender, wenn auch manchmal lang andauernder Zustand. Deshalb ist es unabdingbar, die Hoffnung und die Zuversicht trotz der veränderten Gemütslage aufrechtzuhalten. Dabei sind Achtsamkeit, eigene Wertschätzung und die Gewissheit, einzigartig zu sein, enorm wichtig! Ohne Hoffnung und Zuversicht ist der Weg zurück fast nicht möglich. Alte Verhaltensmuster, negative Erfahrungen und Erlebnisse, Kindheit, Jugend, Stationen unseres Lebens haben uns geprägt und beeinflussen uns. Das gesamte Leben ist und bleibt eine Aufgabe, die wir tagtäglich zu bewältigen haben. Aus einer überstandenen Depression kann man gestärkt hervorgehen und bisher Unbekanntes in sich finden, das unbegrenzte neue Möglichkeiten eröffnet.

Geben Sie sich die Chance und haben Sie den Mut, die Erkrankung anzunehmen, sich zu verändern und wieder neue Kraft und Zuversicht zu finden, um in ein Leben, das sich anders anfühlt, neu zu starten.  Geben Sie die Hoffnung niemals auf!

Ihre Katharina Stang